TNAJI, Yura
Teilnahmerin am Schülerprojekt 2026
Guten Tag. Mein Name ist Yura.
Ich freue mich, dass ich Ihnen heute über meine Erfahrung nach der Katastrophe erzählen kann.
Die Kernenergie ist gefährlich. Kann man aber durch erneuerbare Energien die Kernenergie ersetzen?
Darf ich noch eine Frage stellen? Glauben Sie, dass man durch erneuerbare Energien den Energiebedarf 100-prozentig decken kann?
Daran glaube ich nicht. Wenn Sie glauben, dass die völlige Deckung des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien möglich ist, dann überzeugen Sie mich davon. Die Präfektur Fukushima will den Anteil von erneuerbaren Energie auf 100 % erhöhen.
100 %!
Dieses Ziel erreicht Deutschland noch nicht, auch wenn die Bevölkerung dort sehr (umwelt)bewusst ist. Ist es trotzdem möglich? Da die Kernenergie gefährlich ist, hoffe ich, dass man stattdessen auf erneuerbare Energien setzt. Ich bin an erneuerbaren Energien interessiert, da wir 2011 die Erdbebenkatastrophe im Osten Japans miterleben mussten.
Ich war damals noch gerade ein Baby und habe von meiner Familie vieles darüber gehört. Das war echt furchtbar. So haben meine Eltern zuerst gesagt.
Nach dem Erdbeben hatte man keine funktionierende Lebensader mehr wie Strom und Trinkwasser. Ferner wurde das KKW durch den Tsunami zerstört und radioaktive Stoffe wurden freigesetzt. Meine Eltern wünschten, dass die Lebensader so schnell wie möglich in Ordnung gebracht wird.
Draußen wurde man der unsichtbaren radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Deshalb konnten wir Kinder nicht hinausgehen. Da das Leben total anders geworden ist, hat meine Familie immer mehr Angst und Stress gehabt. Meine Mutter hat uns Geschwistern immer gesagt: “Geht nicht hinaus!” oder “tragt eine Maske!”.
Plötzlich wurde in ihrem Körper der radioaktive Stoff Caesium gemessen. Sie war völlig schockiert und hatte Tränen in den Augen. Ich wurde von der Mutter gestillt, und sie soll mir immer wieder gesagt haben, dass es ihr leid tut. Als ich das gehört habe, wurde ich sehr traurig.
Danach haben wir den Lüfter abgeschaltet, um zu vermeiden, dass radioaktive Stoffe ins Haus eindringen. Meine Eltern haben sehr auf die Sicherheit von Lebensmitteln geachtet und wenig radioaktiv kontaminierte Gemüse aus der von Fukushima weit südlich entfernten Kanto-Gegend besorgt.
Aus Sicherheitsgründen haben die Eltern sich dafür entschieden, die Kinder mit der Mutter zu evakuieren. Die Entscheidung wurde sofort getroffen. Die Eltern wünschten, dass wir die Kinder so frei wie möglich ausgehen und ohne Einschränkungen ihr Leben verbringen können.
Wir Geschwister haben zur Evakuierung während der einmonatigen Sommerferien mit unserer Mutter die Präfekturen im Westen und Süden Japans besucht wie Osaka, Kagawa und Fukuoka. Wir haben nicht nur bei uns Unbekannten, sondern ab und zu in den geschlossenen Schulen übernachtet. Da wir keine persönlich gut befreundeten Unterstützer:innen kannten, haben wir mit Hilfe der Aufnahmekarte einer nicht gewinnorientierten Organisation nach Aufenthaltsstellen gesucht.
Unser Vater ist in Fukushima geblieben. Er soll damals beruflich sehr beschäftigt gewesen sein und auch ein wenig Stress gehabt haben. Aber er soll sich beruhigt haben, als er von unserer Mutter gehört hat, dass es uns Kindern gut geht.
Mein älterer Bruder und meine ältere Schwester haben immer “Glass Badge” getragen, als sie draußen gespielt haben. “Glass Badge” ist ein kleines Meßgerät, das die radioaktiven Strahlungen dokumentiert, denen wir Kinder ausgesetzt wurden. Damals mussten wir im Alltag immer auf die unsichtbare Strahlung achten. Wir mussten ca. 3 Jahre unter diesen Umständen leben. Jetzt finde ich, dass wir damals ein undenkbares Leben geführt haben.
Nach der Erdbebenkatastrophe im Osten Japans haben uns einige TV-Teams aus Deutschland oder Frankreich für ihre Berichterstattung besucht. Dabei haben sie uns zur Unterstützung unseres Lebens etwas abgegeben, und ich bin immer noch dafür sehr dankbar.
Ich musste so eine furchtbare Katastrophe miterleben. Ich bin älter geworden und kann jetzt verstehen, wie sich mein Vater und Mutter damals gefühlt haben. Das macht mich jetzt sehr traurig und bitter.
Deshalb ist es für mich wichtig, meine Erfahrungen weiter zu vermitteln. Auch wenn die Zeit vergeht, hoffe ich, dass man sich an die Nuklearkatastrophe erinnert. Um nie wieder solch eine Katastrophe miterleben zu müssen, will ich immer wieder darüber nachdenken, was wir dagegen machen können.
Vielen Dank!