WATANABE, Kenshin

Teilnahmer am Schülerprojekt 2026

Kenshin

Guten Tag!

Ich heiße WATANABE, Kenshin. Nennen Sie mich bitte Ken. Ich danke Ihnen, dass ich heute hier sein kann. Ich bin aus Fukushima. Ich freue mich, dass ich heute Ihnen von meiner Geschichte berichten kann.

Ich bin zum ersten Mal in Deutschland, aber Deutschland ist für mich ein besonderes Land, das ich ganz nah finde. In jeder Kirschblütensaison habe ich von meiner Großmutter über die Kirschbäume in Berlin gehört. Heute erzähle ich Ihnen über meine Großmutter, die auf dem Dorf Iitate in der Präfektur Fukushima wohnt.

Ich wurde 2010 geboren. Im folgenden Jahr 2011 ist in Fukushima eine große Erdbeben-, Tsumami- und Nuklearkatastrophe ausgebrochen. Damals war ich noch ein Baby. Deshalb habe ich gar keine Erinnerung an jenem Tag.

Aber die KKW-Katastrophe hat das Leben meiner Familie total verändert.

Meine Großmutter besuchte 1989 Westdeutschland. Durch diese Reise hat ihr das Land, in dem sie zum ersten Mal war, herzlich sehr gut gefallen. Die wunderbare Natur und schöne Blumen auf dem Balkon haben sie tief beeindruckt.

1989 war auch das historische Jahr, in dem die Berliner Mauer gefallen ist. Nach der Rückkehr nach Japan hat sie mit den an der Reise teilgenommenen Frauen 20 Kirschsetzlinge nach Berlin geschickt. Das war ein Geschenk in der Hoffnung auf die Vereinigung und den Frieden. Für meine Großmutter bedeuteten Blüten nicht nur die Schönheit, sondern sie verbinden uns auch miteinander und sie weisen den Wunsch auf Frieden auf.

Ihr Wohnort Iitate ist ein schönes Dorf mit viel Natur. Dort hat man ein spezielles Wort “Madei” “Madei” bedeutet emsig, nach Herzenslust, treu oder höflich. Ich liebe das Wort sehr, da in diesem Wort das Gefühl enthalten ist, dass man nicht nur sich selbst, sondern auch Fremde respektiert.

Für meine Großmutter ist das Leben im Sinne von “Madei” wichtig. Aber die Nuklearkatastrophe 2011 hat das friedliche Leben auf dem Dorf total verändert. Obwohl das Dorf Iitate vom Unfall-KKW Fukushima-daiichi ca. 50 km entfernt ist, mussten alle Einwohner:innen aus dem Dorf evakuiert werden, da es dort durch die freigesetzten radioaktiven Stoffe stark kontaminiert war.

Damals wohnten dort insgesamt 8 Familienangehörige mit Großeltern, Urgroßmutter und der Familie meines Onkels zusammen. Sie mussten getrennt in verschiedenen Orten wohnen, da sie ein großes Haus nicht finden konnten, in dem sie alle zusammenwohnen konnten. Sie haben plötzlich den Alltag verloren, den alle zusammen verbracht haben.

Die Dorflandschaft und das menschliche Leben haben sich verändert. Trotzdem haben die Dorfbewohner:innen die Hoffnung nie verloren.

In dem Dorf zog ein Ehepaar auf seinem eigenen Maulbeerfeld 2,000 Kirschbäume auf. Das Ehepaar hat es trotz des harten Zufluchtslebens nie aufgegeben. Während des sechsjährigen Zufluchtslebens ist das Ehepaar mehrmals zum Dorf zurückgefahren, um die Kirschbäume im Sinne des Madeis aufzuziehen. Auf dem menschenleeren Dorf haben sie weiter ruhig Kirschbäume gezüchtet. Es gab für sie auch ehrenamtliche Helfer:innen wie meine Großmutter.

Irgendwann hatten sie dort mehr als 3,000 Kirschbäume. Die Kirschbäume nannte man “das Band der Dorfbewohner:innen und die Kirschbäume des Wiederaufbaus” Sie waren bloß keine Bäume, sondern das Symbol der Hoffnung.

Das war das Zeichen des starken Heimatgefühls. Jetzt blühen die 3,000 Kirschbäume dort im Frühling. Jedesmal wenn ich die Kirschbäume des Wiederaufbaus sehe, werde ich tief ergriffen.

Diese Dorfkirschbäume lehren uns, dass man wieder aufstehen kann, auch wenn man verwundet ist. Auch wenn man getrennt lebt, kann man sich wieder miteinander verbinden.

1989 ist die Berliner Mauer gefallen. Danach haben meine Großmutter und die damals nach Westdeutschland mitgereisten Frauen gemeinsam nach Berlin Kirschbäume der Hoffnung geschickt. In jedem Frühling müssen in Berlin viele Kirschbäume in den ehemaligen Mauerstreifen blühen. Auch auf dem Dorf Iitate sieht man an den 3,000 Kirschbäumen die Blüten.

Die Kirschbäume übermitteln eine Botschaft an uns. Nämlich, wir können Katastrophen überwinden. Wir können Trennungen überwinden. Auch nach der Trauer können wir Hoffnungen schöpfen. Das ist die Kraft von “Madei”, glaube ich.

Meine Großmutter hat mal nach Berlin die Hoffnung geschenkt. Heute will ich als Enkelkind meiner Großmutter die Hoffnung an Sie weiterleiten. Ich will so mit Ihnen die Seele von “Madei” aus Fukushima teilen.

Emsig sein, viel Zeit in Anspruch nehmen, treu und höflich sein. Und gegenseitig respektieren.

Wenn man solche Kleinigkeiten immer wieder durchmacht, kann man eine bessere Zukunft schaffen. Eine freundliche Zukunft, eine hoffnungsvolle Zukunft, eine friedliche Zukunft. Wir wollen gemeinsam eine madei-artige Zukunft schaffen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!